Interview zur Seminarreihe der Emsland-Akademie "Nachhaltig ausbilden"

Frau Dr. Schumacher und die Johannesburg GmbH veranstalten gemeinsam mit dem Wirtschaftsverband Emsland im Rahmen der Emsland-Akademie die Seminarreihe "Nachhaltig und authentisch ausbilden! Schulungsreihe zur Kompetenzerweiterung von Ausbildern zur Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen"

Was meinen Sie mit nachhaltig und authentisch?

Die Idee der Schulungsreihe ist aufgrund mehrfacher betrieblicher Unterstützungsanfragen vor dem Hintergrund unserer eigenen berufspraktischen Arbeit entstanden. Die Johannesburg GmbH arbeitet seit mehr als 100 Jahren mit jungen Menschen zusammen. Junge Menschen, deren eigene Biographie nicht immer gradlinig ist, die schon in sehr jungen Jahren Ablehnung, Benachteiligungen oder Stigmatisierungen erfahren haben.

Wie es den Ausbildern und Ausbilderinnen der Johannesburg dennoch gelingt, die Jugendlichen zu erreichen, sie für den jeweiligen Ausbildungsberuf zu begeistern, auf das Berufsleben vorzubereiten, mit ihnen gemeinsam eine gute Ausbildungszeit zu erleben und nicht zuletzt die konkrete berufliche Zukunft zu gestalten, ist Gegenstand der Reihe.

Damit ist der zweite Teil Ihrer Frage schon beantwortet.

Authentizität beschreibt eine grundsätzliche Haltung. Nicht belehrend oder dozierend, sondern auf Erfahrung beruhend.

Nachhaltig und authentisch – diesen Anspruch stellen wir selbst an uns… in unserer täglichen Arbeit mit den Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen. Wenn wir selbst -  bei dem, was wir tun und wie wir es tun - unser gesamtes Handeln – wenn all das authentisch ist, hat es die Chance, nachhaltig zu wirken.

Im Rahmen der Reihe wird dargestellt, welcher Gelingenskriterien es bedarf, um Nachhaltigkeit zu erreichen, welche Grenzen Authentizität hat und welche weiteren Faktoren erfüllt sein müssen, um erfolgreich ausbilden zu können.

Auf welche Herausforderungen muss sich ein Ausbilder im Umgang mit Auszubildenden heute einstellen?

Hier ist die Frage vielleicht etwas unglücklich gestellt: Auszubildende stellen weder eine Bedrohung, noch eine negative Herausforderung dar, die es zu bewältigen gilt.

Aufgabe ist es, ein Ausbildungsverhältnis positiv durchzuführen, erfolgreich zu beenden und im Idealfall eine neue Fachkraft im eigenen Unternehmen halten zu können. Dass es in dieser Zeit zu Konflikten zwischen Ausbilder und Auszubildenden kommt, ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich oder verändert haben sich die Qualität (oder auch Intensität) der Konflikte und auch ihre Ursachen. Unterschiedliche Lebenswelten, Erwartungen und Wertvorstellungen sind die wesentlichen Ursachen. Diese Unterschiede zu erkennen, ist die eigentliche Herausforderung. Mit der Schulungsreihe werden Ausbilder und Ausbilderinnen darin unterstützt, hier schnell „fündig“ zu werden und gleichzeitig in die Lage versetzt, mit diesen Unterschieden konstruktiv umzugehen.

Darüber hinaus werden wir auch den Fragen nachgehen, was unter „Ausbildungsreife“ zu verstehen ist, weshalb sie bei Lehrlingen immer häufiger nicht ausreichend ausgeprägt ist und wie sie sich sukzessive auf- und ausbauen lässt.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ Gilt der alte Spruch auch heute noch? Oder hat sich hier was verändert?

Ein Lernprozess ist immer eine Herausforderung. Dinge oder Arbeitsabläufe durch stetes Wiederholen zu verinnerlichen, dem Ausbilder / der Ausbilderin oder dem Gesellen zuzuarbeiten ohne einen eigenen Kompetenzbereich inne zu haben, kann selbstverständlich zu Frustrationen führen. Diesen Frust muss ein Auszubildender auch heute noch aushalten. Was sich aber gewandelt hat, ist die Wahrnehmung des Lehrlings im Gesamtgefüge: Ein Auszubildender ist nicht mehr das letztes und kleinste Glied der Kette, sondern eine wertvolle Ressource. Ausbildung bedeutet heute, einen jungen Menschen fachlich zur Performance zu bringen, Loyalität und Verbundenheit mit dem Unternehmen aufzubauen, um ihm anschließend ein attraktives Angebot zum dauerhaften Verbleib im Unternehmen machen zu können.

In dem Zusammenhang haben sich die Methoden zur Gestaltung von Lehr- Lernprozessen stark verändert. So kann bspw. über das projektorientierte Lernen der Auszubildende stärker in Arbeitsprozesse verantwortlich einbezogen werden, so dass dieser sich als zugehörig und wertig – also als ein Teil des Teams – empfindet, der seinen Beitrag am „Ganzen“ hat.

Neue Methoden münden jedoch nicht von allein in routinierte Arbeitsabläufe. Hier - wie überall - führen Veränderungen zu Unsicherheiten und müssen deshalb behutsam eingeführt werden. Welche Optionen hier möglich sind, zeigen wir ebenfalls in der Reihe auf.

Sprechen Ausbilder und Lehrlinge heute noch die gleiche „Sprache“? Und wie wichtig ist die wechselseitige Kommunikation untereinander?

Grundsätzlich sprechen wir die gleiche Sprache – nur manchmal wollen wir den anderen vielleicht einfach nicht verstehen… ;-)

Der Ton macht die Musik – heißt es. Der richtige Ton entscheidet über Harmonien oder Schieflagen. Die Frage ist doch, wann welcher Ton der richtige ist? Und woher weiß ich, welcher Ton, in welcher Situation stimmig ist? Wieso sprechen wir privat und zu Hause anders – in anderen Tönen -  als mit Kollegen oder gar mit dem Vorgesetzten? Wir befinden uns in unterschiedlichen Rollen. Diese Rollen verlangen unterschiedliche Formen und Mittel der Kommunikation: Unterschiede in der Wortwahl, in der Körpersprache, in der Mimik und Gestik, in der Lautstärke usw. …

Für Auszubildende bedeutet dies zu Beginn, die eigene Rolle im Ausbildungsverhältnis erst einmal wahrzunehmen: Zu erkennen, dass kein Kumpel das Gegenüber ist, sondern ein Vorgesetzter; bei dem andere Umgangsformen vonnöten sind…

Die Schulungsreihe gibt den Ausbildern und Ausbilderinnen Anregungen und Hilfestellungen, die eigene Rolle des Ausbildenden durch Mittel der verbalen und non-verbalen Kommunikation deutlich darzustellen – nicht laut, sondern authentisch.

Wie kam es zu einer Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsverband Emsland und die Idee zu diesem Seminar?

Die Johannesburg GmbH ist aufgrund ihrer langjährigen Tradition als Träger der Jugendhilfe sowie als außerbetriebliche Ausbildungsstätte insbesondere bei den KMU im Emsland stark verwurzelt. Die Anfragen beim Wirtschaftsverband bzgl. einer unterstützenden Schulungsreihe als auch seitens der Betriebe direkt bei der JHB brachten den Stein ins Rollen. In einem ersten gemeinsamen Strategiegespräch sind die verschiedenen Ideen, Anregungen und Fragestellungen systematisiert und auf einen gemeinsamen Nenner gebracht worden - mit dem Ergebnis dieser Schulungsreihe!

Hauptanliegen ist es, die Ausbildungszeit für alle Beteiligten zu einer angenehmen, harmonischen und produktiven Zeit zu machen, die sowohl für den Einzelnen positive berufliche Perspektiven aufzeigt, als auch für den jeweiligen Betrieb ein Beitrag zur Fachkräftesicherung sein kann.