Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Johannesburg GmbH aufgenommen

Mit dem Flüchtlingsstrom kamen im Herbst/Winter 2015/16 auch 65000 – 75000 un­begleitete minderjährige Flüchtlinge in die Bundesrepublik Deutschland. Ab Novem­ber 2015 wurden die jungen Menschen über die Bundesländer nach einem bestimm­ten Schlüssel verteilt. 118 junge Flüchtlinge waren Ende Januar 2016 davon im Landkreis Emsland untergebracht und hiervon 34 in der Johannesburg GmbH.

Flüchtlingsarbeit in der Johannesburg am Beispiel der Wohngruppe „Arche“

Die 34 „UMF“ (Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge), die jetzt in drei stationären Wohngruppen - 2 davon auf dem Heimgelände -  und im Betreuten Wohnen leben, stammen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea, Somalia, Gambia, Guinea und dem Senegal. Eine junge Frau aus Gambia konnte außerdem in der Mädchengruppe un­tergebracht werden.

Los ging es im Oktober 2015 in der Gruppe „Arche“ mit der Aufnahme eines 16-jährigen Syrers sowie von zwei 9 und 17 Jahre alten Paschtunen aus einem afghani­schen Dorf am Hindukusch nahe der pakistanischen Grenze, wobei letztere aber nach ein paar Tagen des Ausruhens und Kräftesammelns zu einem Onkel nach Schweden weiter gereist sind.

Die 11 Plätze der „Arche“, verteilt auf 3 Doppel- sowie 5 Einzelzimmer, in den Räu­men der ehemaligen Verselbständigungsgruppe „Aufwind“ im 3. und 4. Stock eines Flügels des Haupthauses haben sich dennoch schnell gefüllt, da in den Sammelun­terkünften des Emslandes in den folgenden Wochen immer mehr Jugendliche ohne Begleitung von Eltern oder sonstigen Erziehungsberechtigten eintrafen und unter die Zuständigkeit des hiesigen Jugendamtes fielen.

Rückblickend stellte der Beginn der Arbeit selbst für den 62-jährigen Gruppenleiter Joe Wittrock, der als „Urgestein“ der Johannesburg über reichlich Berufserfahrung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen verfügt, noch einmal eine ganz neue Herausforderung dar. Denn die meisten der jugendlichen Flüchtlinge, die in der „Arche“ nicht nur versorgt, sondern auch sozialpädagogisch betreut werden, spra­chen weder Deutsch noch Englisch. Dolmetscher bspw. für arabisch, farsi, paschto oder kurdisch standen, wenn überhaupt, nur stundenweise zur Verfügung. Alle ka­men aus einem anderen Kulturkreis mit in der Regel muslimischem Hintergrund und einem völlig unrealistisches Bild von Deutschland. Einige waren durch die Erlebnisse im Heimatland und auf der Flucht stark traumatisiert. Alle machten sich Sorgen um ihre im Heimatland oder irgendwo in Flüchtlingslagern verbliebenen Angehörigen. Dazu gab es anfangs kaum Regeln noch Tagesstrukturen. Und auch das Team, teil­weise Berufsanfänger und -anfängerinnen, frisch von der Hochschule oder aus völlig ande­ren Arbeitsbereichen, mussten sich in die neue Aufgabe finden.

Inzwischen ist die Wohngruppe „Arche“ längst „in ruhigerem Fahrwasser“ angekom­men. Zurzeit leben hier zehn Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 18 Jahren aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. Unter Mithilfe des Sprach- und In­tegrations­projektes „SPRINT“, das in Zusammenarbeit mit der Johannesburg seit Dezember 2015 an der öffentlichen Berufsschule in Papenburg durchgeführt wird, gelang es die Sprachbarriere in so weit zu durchbrechen, dass jetzt mit allen „UMF“ einfache Un­terhaltungen in der deutschen Sprache möglich sind. An den zwei schul­freien Tagen konnten zudem erste Erfahrungen in der Berufs- und Arbeitswelt in den Werkstätten der Johannesburg gemacht werden. Dies Projekt war so erfolgreich, dass mit Beginn des Schuljahres 2016/17 zwei Jugendliche in die Berufsfachschul­klasse Holztechnik und zwei weitere in die Berufsfachschulklasse Hauswirtschaft und Pflege gewechselt sind. Einer besucht das BEK Metall, ein weiterer die zehnte Klas­se des Gymnasiums Papenburg.

Von zentraler Bedeutung für das Leben in der Wohngruppe sind die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Jugendlichen sind am Einkauf und Zubereitung beteiligt und übertref­fen sich gegenseitig, was das Zubereiten von landestypischen Gerichten wie gefüll­ten Teigtaschen, Reis- und Eiergerichte sowie Salate anbelangt. Im Freizeitbereich spielt der Sport eine große Rolle. Beinahe alle sind begeisterte Fußballspieler. Ein Jugendlicher spielt Basketball im Verein. Die meisten haben erfolgreich einen Schwimmkurs beim DLRG absolviert.

In dem im Keller der Wohngruppe großzügig mit Trainingsgeräten ausgestatteten Fitnessraum wird reichlich und regelmäßig trainiert. Dass jedem Jugendlichen schon nach ein paar Wochen ein Fahrrad zur Verfügung gestellt werden konnte, bedeutet gerade im ländlichen Raum mit wenig Verkehrsanbindung an die Stadt Papenburg und die Umgebung auch ein großes Stück Freiheit. Bei Spiel und Sport, aber auch im Gruppenalltag wird deutlich, dass wir es trotz ihrer von Krieg und Flucht geprägten Biografien in erster Linie mit ganz normalen Jugendlichen zu tun haben.

Weil sie Kontakt zu Eltern, Geschwistern und sonstigen Angehörigen in der Regel nur über Handy und WLAN pflegen können, schätzen alle die Wohngruppe als ihre Ersatzfamilie. Trotz der unterschiedlichen Nationalitäten kommen so alle erstaunlich gut miteinander aus. Größere Konflikte sind selten und werden in der Regel fair und verbal ausgetragen.

Bald stehen für die meisten aufgrund ihres Alters Wechsel in eine selbständigere, kostengünstigere und weniger betreute Wohnform an. Nach der Einschätzung der Gruppenbetreuer der „Arche“ sollten die meisten „ihrer UMF“ mittlerweile auch das erfolgreich bewältigen können. Ein großes Handicap bleibt allerdings, dass noch kei­ner über eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis verfügt und einige nach Erreichen der Volljährigkeit mit der Ablehnung ihres Asylantrags rechnen müssen.

Insgesamt können wir aber wohl davon ausgehen, dass aufgrund der weiterhin zahl­reichen nicht gelösten internationalen Konflikte die Arbeit mit minderjährigen unbe­gleiteten Flüchtlingen auch in den nächsten Jahren ein belebendes Element im An­gebotsspektrum der Johannesburg bleiben wird.